Ein anderer Blick auf emotionales Essen, Gewicht und Motivation
- Martha Coaching
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Sechs verbreitete Annahmen über Scheiternde Gewichtsregulation
Wenn Menschen ihr Gewicht verändern möchten, stoßen sie früher oder später häufig auf den Begriff des emotionalen Essens. Die Erklärung klingt zunächst plausibel: Ein unangenehmes Gefühl entsteht, darauf folgt Essen. Also muss das Essen mit den Emotionen zusammenhängen.

Was, wenn ich behaupte, dass dies manchmal stimmt, aber manchmal auch nicht vollständig? Aus meiner Sicht und langjährigen Erfahrung wäre ein wichtiger Perspektivwechsel angebracht.
Zumindest ist erfreulicherweise schonmal gesellschaftlich angekommen, dass Gewicht auch mit den inneren Prozessen zu tun hat - aber wie genau: das bleibt häufig ein Mysterium. In diesem Artikel möchte ich für einige dieser Dinge mal etwas Licht ins Dunkel bringen.
Nichts hat nur DIE EINE Ursache.
Ähnliche Verhaltensweisen können aus unterschiedlichen Gründen entstehen.
Bezogen auf die Gewichtthemaik heißt das: Zwei Menschen können abends regelmäßig zur Schokolade greifen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass dieselben Ursachen dahinterstehen. Und genau deshalb funktionieren viele Standardlösungen bei manchen Menschen sehr gut – und bei anderen kaum.
Annahme 1: „Unnötiges Essen hat immer mit Emotionen zu tun und ist immer emotionales Essen“
Eine der häufigsten Erklärungen lautet: Wenn ich esse, obwohl ich keinen körperlichen Hunger habe, dann muss das emotionales Essen sein. Vielleicht fühlt sich das für einen selbst auch stimmig an, aber vielleicht passt dies auch nicht.
Es kann sein, dass Essen eine Form der Kompensation geworden ist. Dass ein unangenehmer Zustand reguliert werden soll, sodass Essen kurzfristig Entlastung, Beruhigung oder Ablenkung verschafft.
Es kann aber auch sein, dass etwas ganz anderes dahintersteht.
Vielleicht handelt es sich um eine Gewohnheit, eine automatisierte Verknüpfung zu etwas mal als sehr positiv Erlebtem.
In beiden Fällen sieht das Verhalten von außen ähnlich aus. Der Ansatzpunkt für Veränderung ist jedoch ein anderer. Versucht man, als Coach/in einem konditionierten Verhalten eine emotionale oder kompensatorische Komponente anzudichten, dann klappt das nicht. Und andersherum genauswenig.
Annahme 2: „Ich brauche einfach ein anderes Mindset.“
Viele Menschen investieren viel Zeit in Motivation, positives Denken oder Glaubenssatzarbeit. Vielleicht kennst du den Satz "Ändere deine Gedanken und dein Verhalten und deine Gefühle werden sich ändern". Auch das ist manchmal genau hilfreich.
Manchmal liegt der entscheidende Hebel jedoch nicht in den Überzeugungen, sondern in den affektiven oder körperlichen inneren Zuständen, die ein Mensch erlebt.
Wer erschöpft ist, angespannt ist oder dauerhaft über seine Belastungsgrenze geht, braucht möglicherweise nicht zuerst ein neues Mindset, sondern eine Regulation des so genannten Körperbudgets.
Annahme 3: „Ich bin nicht diszipliniert genug.“
Dieser Gedanke entsteht häufig dann, wenn Menschen bereits viel ausprobiert haben und wenn die zugehörigen Programme, Coaches und Berater selbst in Verlegenheit geraten.
Sie kennen die Ernährungsempfehlungen, sie wissen theoretisch, was sie tun möchten und trotzdem gelingt die Umsetzung nicht dauerhaft.
Die Schlussfolgerung lautet dann oft:
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
Was wenn ich sagen würde, dass vielleicht die alternative Erklärung lauten könnte:
Ich versuche gerade, ein Problem mit Disziplin zu lösen, dessen Ursache woanders liegt. Und zwischen Motivation und Umsetzen liegt noch mehr, als gemeinhin gewusst wird. Die so genannte Volition. Ein zentrales Stichwort und wirksamer Hebel ist die Selbstwirksamkeitserfahrung.
Denn Wissen führt nicht automatisch zu Veränderung. Viele Menschen wissen bereits sehr viel. Die entscheidende Frage lautet häufig nicht, warum sie etwas nicht verstanden haben, sondern warum sich trotz aller Einsicht nichts verändert.
Annahme 4: „Ich muss einfach mehr Sport machen.“
Bewegung kann hilfreich sein. Aber für manche ist das Anliegen Gewicht eher auf der Ernährungsebene angesiedelt. Oder aber eher auf der Ebene des Stoffwechsels.
Und aus neurowissenschaftlicher Sicht und der Sicht des Körperbudgets auch kaum gesellschaftlich kaum berücksichtigte Aspekte wie Schlaf.
Die Frage ist also nicht, ob etwas grundsätzlich sinnvoll ist. Die Frage lautet:
Ist das gerade mein wichtigster Hebel?
Wer an der falschen Stelle ansetzt, investiert oft viel Energie, ohne die gewünschte Veränderung zu erleben.
Annahme 5: „Ich brauche nur die richtige Strategie.“
Noch eine App, noch einen Ernährungsplan, noch eine Methode, noch einen Trick. Solche Strategien können wertvoll sein, aber nur, wenn man sie tatsächlich auch ausführt und wenn sie zu einem passen.
Denn keine Strategie funktioniert losgelöst von dem Mechanismus, den sie beeinflussen soll.
Wenn die Strategie nicht zum eigentlichen Einflussfaktor passt, entsteht häufig Frustration. Nicht weil die Strategie schlecht wäre, sondern weil sie nicht zum individuellen Muster passt.
Annahme 6: „Ich bin einfach so ein Typ.“
Ich bin ein Genussmensch. Ich bin emotional. Ich bin undiszipliniert. Ich war schon immer so.
Solche inneren Formulierungen heißen Glaubenssätze und wirken zunächst entlastend. Sie können aber auch dazu führen, dass wir aufhören, neugierig zu bleiben und irgendwann die Zuversicht verlieren, etwas verändern zu können.
Dann wird Gewicht ein Identitästhema.
Denn die spannendere Frage könnte doch vielleicht vielmehr lauten:
Was macht es eigentlich logisch, dass mein System gerade so reagiert?
Fazit
Vielleicht ist die entscheidende Frage eine andere
Viele Menschen suchen nach der einen richtigen Lösung.
Vielleicht beginnt Veränderung jedoch einen Schritt früher.
Nämlich bei der Frage: Welcher innere Hebel beeinflusst mein Verhalten überhaupt?
Anstatt sich zu fragen, was mit einem selbst nicht stimmt und warum man dies und jenes schon wieder nicht hinbekommen hat, könnte man sich auch die Frage stellen:
Inwiefern ergibt es eigentlich total nachvollziehbar und logisch Sinn?
Und welche Ansatzpunkte können mir persönlich dienlicher sein als andere?
Und genau dort beginnt für viele Menschen echte Selbstwirksamkeit:
Nicht bei der Suche nach der nächsten Methode, sondern beim Verstehen des eigenen Musters.
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