top of page

„Das ist doch bloß eingeredet“ - Warum Ziele und Glaubenssätze glaubwürdig sein müssen

Aktualisiert: 26. Dez. 2025


und wie eine kombinierte Übung zu Vertrauen und Misstrauen aufgebaut ist


Einordnung

Dies ist der dritte Teil meiner dreiteiligen Reihe zum Thema Misstrauen und Vertrauen. Während es im ersten Teil um eine soziologische Herangehensweise geht - nämlich auf Basis des neuen Buchs von Prof. Dr. El-Mafaalani-, so geht es im zweiten Teil um eine (individual-)psychologische Sicht, um dann mit einer konkreten Übung zu finalisieren. Diese soll hier zum Gegenstand der Betrachtung werden. Ich möchte kurz umreißen, welche Gedanken, methodologischen und inhaltlichen Entscheidungen und Konzepte hinter ihrer Konzeption stecken.


Einleitung

Bevor jemand zu mir in eine Sitzung kommt, begegnet mir immer wieder ein bestimmter Einwand: „Das ist doch alles bloß eingeredet.“ Glaubenssätze, Gefühle, Ziele, Wahrnehmungen Bewertungen - diese könnten doch nicht einfach so geändert werden, wenn man realtitätstreu und authentisch bleiben wolle - heißt es.

Dieser Satz wird von Coaches und Therapeut*innen oft vorschnell als Abwehr, Kontrollzwang oder Widerstand interpretiert - oder noch schlimmer: als Affront gegen die eigene Arbeitsweise. Tatsächlich haben die Menschen recht, aber eben nur bedingt. Denn Glaubenssatzarbeit scheitert häufig nicht daran, dass Menschen „nicht offen genug“ wären, sondern daran, dass ihnen Sätze angeboten werden, die innerlich nicht anschlussfähig und glaubwürdig sind.

Dieser Artikel ist die Fortsetzung meiner dreiteiligen Reihe zum Thema Vertrauen und Misstrauen. Er verbindet die theoretische Einordnung der beiden ersten Teile mit einer konkreten Übung. Diese ist von mir eigenständig konzipiert. Ziel ist es, Vertrauen differenziert und glaubwürdig neu zu verorten und zu stärken. Denn Vertrauen ist, sowohl soziologisch als auch psychologisch, von zentraler Bedeutung für ein gelingenes (Zusammen-)Leben.


Glaubenssätze müssen glaubwürdig sein

Was viele Coaches nicht wissen: Glaubenssätze wirken nicht, weil man sie häufig wiederholt. Sie wirken, wenn sie glaubwürdig sind. Aus meiner Sicht - zum Glück: Denn alles, was nicht zu den eigenen Erfahrungen, Werten und inneren Maßstäben passt, wird automatisch abgeblockt. Das ist kein Scheitern oder kein fehlender Wille, sondern eine wichtige Funktion. Das menschliche System übernimmt nicht beliebig neue Inhalte. Es prüft, ob etwas stimmig ist und will das Bestmögliche: ein ausgeglichenes Energiebudget und damit ein gesichertes Überleben.

Wenn sich ein Satz anfühlt wie etwas, das man sich „einreden“ müsste, dann ist das ein Hinweis darauf, dass dieser Satz (noch) nicht passt. Ein wirksamer Glaubenssatz fühlt sich selten euphorisch an. Er fühlt sich eher plausibel an – wie etwas, das zumindest potenziell möglich ist.

Und Glaubenssatzarbeit sollte die potenzielle Möglichkeit wieder bewusst machen, denn viele sind sich gar nicht bewusst, dass viele Dinge, auch im Alter und abgesehen von Kindheitsprägungen durchaus änderbar sin.


Vertrauen und Misstrauen auf verschiedenen Ebenen

Vertrauen und Misstrauen werden häufig als rein emotionale Zustände verstanden. Tatsächlich haben sie jedoch auch eine rationale, wachbewusste Ebene. Sie beruhen auf inneren Erklärungen darüber, wie die Welt funktioniert, wie Menschen sind und was in Zukunft wahrscheinlich geschehen wird. Aladin El-Mafaalani definierte dies als positive Zukunftserwartungen.


Deshalb können rationale Erklärungen und Einordnung hilfreich sein, um Misstrauen abzubauen und Vertrauen zu stärken. In einer bewusstseinstherapeutischen Perspektive entspricht dies der Arbeit im Wachbewusstsein – also Gesprächstherapie.

Dies möchte ich einmal kurz erklären.


Bewusstseinszustände – eine Orientierung

Die Methode, nach der ich arbeite und lehre, geht nämlich davon aus, dass das menschliche Gehirn im Alltag zwischen verschiedenen Bewusstseinszuständen wechselt – meist ganz automatisch.


Ohne eine starre oder rigide Grenzziehung vornehmen zu wollen – denn die Übergänge sind fließend, dynamisch und individuell –, lassen sich dennoch grob unterschiedliche Zustände unterscheiden. Diese sind auch neurophysiologisch messbar, etwa anhand von EEG-Messungen und unterschiedlichen Frequenzmustern.

Vereinfacht gesagt bewegt sich das menschliche Bewusstsein zwischen drei Ebenen, auf einer Linie zwischen enspannt - höchstgradig fokussiert.

  • Unterbewusstsein: geistige Entspannung, emotionale und kreative Funktionen des Gehirns, das emotionale Gedächtnis.

  • Wachbewusstsein: rational-logisches Denken, Einordnung, Argumente

  • Überbewusstsein: metaperspektivische Beobachtung, hoher Fokus.


Jedem dieser Zustände ist eine Methodik zugeordnet:

Unterbewusstsein → Hypnose

Wachbewusstsein → Gespräch / Glaubenssatzarbeit

Überbewusstsein → Meditation


Konzeption dieser Übung

Die hier vorgestellte Übung kombiniert bewusst zwei dieser Ebenen:

Im ersten Schritt: das Unterbewusstsein (hypnotischer, emotionaler Teil)

Im zwieten: das Wachbewusstsein (rationale Glaubenssatzarbeit)


Die Übung ist von mir eigenständig konzipiert und dient dazu, Vertrauen erfahrbar zu machen und zugleich rational neu einzuordnen.


Teil 1 der Übung: der hypnotische Anteil

Der erste Teil der Übung ist hypnotischer Natur. Hypnose beschreibt einen Zustand geistiger Entspannung, in dem emotionale und kreative Funktionen des Gehirns besonders aktiv sind.

Im Zentrum steht das so genannte Wunschgefühl und die damit verbundene sogenannte Ressourcenarbeit. Sie geht davon aus, dass jeder Mensch bestimmte emotionale Qualitäten bereits in sich trägt – auch dann, wenn sie aktuell nicht präsent sind.

Der Ausgangspunkt ist die Frage: Wie möchtest du dich fühlen? Und die Ressource ist dieses Gefühl "in Person"- einem Ich-Anteil von sich mit genau diesem Gefühl.


Da es sich um eine globale Übung handelt, habe ich dieses Wunschgefühl vorgegeben – basierend auf den inhaltlichen Grundlagen der beiden vorangegangenen Beiträge. Die von mir gewählten Gefühle sind:

  • krisenfest

  • im Vertrauen

  • sicher

  • zugehörig

  • verbunden

  • mit positiver Zukunftserwartung

Ziel dieses Übungsteils ist es, diese Qualitäten erlebbar zu machen, indem sie aus früheren Erfahrungen oder vorgestellten zukünftigen Erfahrungen reaktiviert und in die Gegenwart übertragen werden.


Teil 2 der Übung: Glaubenssatzarbeit

Im zweiten Teil der Übung wechseln wir bewusst ins Wachbewusstsein.

Ein Glaubenssatz ist eine unbewusste Logik. Er entsteht aus Erfahrungen der Vergangenheit und wirkt wie ein inneres Erklärungs- und Vorhersagemodell. Vereinfacht gesagt: Wenn das passiert, dann folgt das. Häufig ist er auch als formuliert "ich bin jemand, der..." "immer wenn..., dann..." Auch wenn zwei einander widersprüchliche Glaubenssätze tatsächlich erlebt wurden, so kann es sein, dass nur einer davon geglaubt, der andere ausgebledet wird.

Diese Logik dient der Orientierung und dem Schutz. Sie ist nicht falsch, kann aber verallgemeinert werden – insbesondere im Bereich von Vertrauen und Misstrauen.

Ziel dieses Übungsteils ist es, einen solchen Glaubenssatz bewusst zu machen und neu zu formulieren, ohne ihn zu negieren.


Anleitung zur Glaubenssatzarbeit

Bevor Sie diese Übung mitmachen, bedarf es hier einer kleinen Vorarbeit.

  1. Wählen Sie einen Glaubenssatz zum Thema Vertrauen oder Misstrauen, den Sie ändern möchten.

  2. Formulieren Sie ihn so um, dass er glaubwürdig bleibt und sich stimmiger anfühlt.


Inspirative Liste glaubwürdiger Glaubenssätze

Die folgende Liste dient als Unterstützung, falls es schwerfällt, selbst einen stimmigen Satz zu formulieren. Sie ist kein Maßstab, sondern ein Angebot.

Krisenfestigkeit & Herausforderungen

  • Auch wenn die Situation auswegslos aussah, habe ich doch eine Lösung finden können.

  • Ich komme mit Herausforderungen zurecht.

  • Es ist mir gelungen, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.

  • Ich habe erlebt, dass sich Lösungen manchmal erst mit der Zeit gezeigt haben.

  • Rückblickend bin ich an schwierigen Situationen gewachsen.

Vertrauen & Verbundenheit

  • Wenn ich Menschen vertraue, dann fühle ich mich sicher.

  • Es gibt Menschen, zu denen ich mich zugehörig fühle.

  • Ich habe erlebt, dass Vertrauen stärkende Erfahrungen ermöglicht.

  • Nicht jede Nähe war gefährlich – manche war unterstützend.

  • Ich kann wahrnehmen, bei wem sich Vertrauen stimmig anfühlt.

Misstrauen differenzieren

  • Mein Misstrauen hatte Gründe und war nicht grundlos.

  • Ich habe erlebt, dass sich meine Befürchtungen nicht immer bestätigt haben.

  • Es gibt Dinge, denen ich misstraue – und gleichzeitig Erfahrungen, die einen positiven Ausgang hatten.

  • Ich wurde positiv überrascht, weil etwas besser ausging als erwartet.

  • Ich darf vorsichtig sein und dennoch neue Erfahrungen zulassen.

Urteilskraft & Autonomie

  • Ich kann meinem Urteil vertrauen – und damit auch meinem Misstrauen, wenn es berechtigt ist.

  • Ich bin fähig, Situationen einzuordnen und Unterschiede wahrzunehmen.

  • Ich kann Grenzen setzen und trotzdem in Verbindung bleiben.

  • Mein Empfinden ist eine Orientierung, keine Schwäche.

  • Ich darf mir selbst zutrauen, angemessen zu reagieren.

Zukunftsperspektive

  • Es gelingt mir, aus jeder Situation das Beste zu machen.

  • Auch wenn ich unsicher bin, kann sich etwas Gutes entwickeln.

  • Meine Vergangenheit erklärt vieles, aber sie legt meine Zukunft nicht fest.

  • Ich traue mir zu, mit dem umzugehen, was auf mich zukommt.

  • Meine Zukunft enthält mehr Möglichkeiten, als mein Misstrauen vermuten lässt.


Wenn Sie sich für einen entschieden haben, dann merken Sie sich diesen. Wir werden ihn dann gemeinsam im Rahmen der Übung auf Ihre Vergangenheit beziehen: Wo gab es bereits Erfahrungen, die diesen neuen Satz stützen? Und zusätzlich wird dieser auf Ihre Zukunft bezogen: Welche neue Vorhersage darf daraus entstehen?

Ein wirksamer Glaubenssatz fühlt sich nicht perfekt an, sondern plausibel.

Abschluss

Diese Übung verbindet emotionale Erfahrung und rationale Einordnung. Sie arbeitet nicht gegen Ihr inneres Urteil, sondern mit ihm.

Sie finden sie auf meinem Spotifykanal unter dem folgenden Link:

...


 
 
 

Kommentare


bottom of page